Mord auf Krankenkasse

INFO

Paperback
160 Seiten, EUR 11,80
ISBN: 978-3-903273-05-4
E-Book ISBN: 978-3-903273-06-1
160 Seiten, EUR 6,49
Erscheinungsdatum: 08/2019
Sprache: Deutsch

INHALT

Was immer sich Sylvia Scherzer von ihrem wiederholten Aufenthalt im Kur- und Wellnesshotel „Breitner“ erwartet hat: Mit dem Wiedersehen eines Jugendfreundes und einem Mord hat sie nicht gerechnet. Dass die Tage weder geruhsam noch entspannt verlaufen, ist ihrer Vorliebe für Kriminalgeschichten, einer unternehmungslustigen Kurfreundin und Sylvias innerem Antrieb, das dunkle Fragezeichen in ihrem Leben zu lösen, geschuldet.

LESEPROBEN

Leseprobe 1

Bedächtig schob sich die füllige Reinigungskraft Adele samt ihrer vollautomatischen Bodenwasch¬maschine durch die zurückpendelnde Flügeltür der Damengarderobe in den Schwimmbereich.
Wie nahezu jeden Spätabend zog sie ihre Bahnen über die gekachelte Badelandschaft.
Mittlerweile kannte sie jede Unebenheit der Bodenfläche, jede Facette der unregelmäßig gemusterten Fliesen.
Deshalb registrierte sie sofort etwas Ungewohntes, als sie sich näher an den tagsüber stark frequentierten Whirlpool heranarbeitete.
»Wieder ein Scherzbold oder rücksichtsloser Kurgast, der sein Handtuch versenkt hat«, schoss es ihr durch den Kopf, bevor ihre Augen den Bruchteil einer Sekunde später rückmeldeten, dass sie ihre Annahme revidieren musste.
Was sie sah, wollte sie nicht sehen. Reflexartig schlug sie beide Hände vors Gesicht. Nur um ihrer nahezu gleichzeitig aufflammenden Neugier und Dienstbeflissenheit umgehend Raum zu geben. Mit pochendem Herzen blinzelte Adele durch ihre Finger – ein Zugeständnis an Anstand und Arbeitsmoral zugleich.
Ja, sie hatte sich nicht getäuscht: Da lag eine Person im Pool, die um diese Uhrzeit dort nichts verloren hatte. Zusammengekrümmt, eigenartig verdreht, den Kopf halb im Wasser hing eine zarte Frau mit langen dunklen Haaren, die das Gesicht großteils verdeckten, auf den Sitzstufen.
Die farblich wechselnden, stimmungsvollen Unterwasserscheinwerfer wollten so gar nicht zu der grotesken Szene passen.
So schnell es ihre Statur zuließ, rannte Adele zum Lift, der sie ins Erdgeschoß zur Rezeption brachte.
Niemand hinter der Theke?
Also noch wenige Schritte weiter bis zum Büro, aus dessen Türspalt Licht in die Lobby drang.
»Herr Direktor! Ahh, Sie sind‘s, Herr Robert! Es is‘ was Fürchterliches g‘scheh‘n. Unten. Im – na, wie heißt er? Äh … Wörlpuhl. Da liegt wer. Eine Frau. Ohnmächtig oder gar tot!? Kommen‘s!«
Noch während des aufgeregten Wortschwalls war Juniorpartner Robert aus dem Bürosessel geschnellt, hatte kurz auf die Monitore mit den Schwimmbecken im Bild geschaut, wissend, dass der Whirlpool außerhalb des Aufnahmebereichs lag.
Jedenfalls war nichts Beunruhigendes zu erkennen, und so sprintete er, das Handy vom Schreibtisch aufnehmend, eine Etage tiefer in den Wellnessbereich.
Als Adele mächtig außer Atem hinter ihm ankam, hatte sich Robert bereits ein Bild von der Lage gemacht und die Notrufnummer der Polizei gewählt.
Die Stimme am anderen Ende der Leitung ersuchte ihn, das umzusetzen, was er sowohl aus Kriminalserien kannte als auch sich selbst für entsprechende Situationen bereits vorsorglich festgelegt hatte: Nichts berühren! Auf Ungewöhnliches achten! Auf das Eintreffen der Polizei warten!

Lesprobe 2

Der Kommissar, den kurz geschorenen Schädel in die Hände der aufgestellten Unterarme gestützt, sichtete seinen Notizblock.
Einigen Hinweisen hieß es nachzugehen, Aussagen waren zu überprüfen. Natürlich musste er auch noch die Ergebnisse der Autopsie und der Spurenauswertung abwarten, obwohl er von all den hochmodernen Hilfsmitteln wenig bis gar nichts hielt.
Verbrechen klärte man seiner Meinung nach nicht im Labor, sondern durch Gehirnschmalz, gezielte Befragungen und Erfahrung.
Zusätzlich vertraute er auf seine beiden unverzichtbaren Hilfskräfte: Inspektor Zufall und Kollege Geistesblitz.
Eckenspergers Gedanken lösten sich von der Fokussierung auf den Fall, ohne dass er dies wollte oder auch nur registrierte. Sich selbst gleichsam aus der Meta¬ebene zu betrachten und dies auch noch zu reflektieren, war nicht sein Ding.
Widersinnig, abstrus, geradezu als eine groteske Laune der deutschen Sprache empfand er, dass »Logik« mit einem weiblichen »Zufall« jedoch mit einem männlichen Artikel ausgestattet war. Seinem Weltbild entsprechend, müsste es sich genau umgekehrt ver¬halten. Bei »der Verstand« und »die Intuition« hatte es ja schließlich auch seine Richtigkeit.
Zum aktuellen Fall zurückkehrend, notierte der Kriminalbeamte auf einem neuen Zettel seines Blocks Überlegungen und offene Fragen: Ergebnis Spuren¬sicherung kam in die erste Zeile. Daneben zeichnete er einen Galgen.
Das tat er immer, wenn er sich darüber ärgerte, wie lange er auf Ergebnisse warten musste, von denen seine weitere Vorgehensweise mit abhing.
Die Sicherheitsmaßnahmen des Hotels erleichterten seine Arbeit ein wenig. Trotzdem bewertete er zumindest die Positionierung und Reichweite der Kameras als suboptimal. Ebenso fand er es für seine Ermittlungen erschwerend, dass die Zugänge zur Badelandschaft auch nach Einbruch der Dunkelheit von außen zu öffnen waren.
Zumindest die Überprüfung der Meldeliste war zügig vorangegangen. Die überwiegende Mehrheit der Gäste galt demnach als unbescholten.
Lediglich vier Personen hatten keine »blütenweiße Weste«. Bei zweien lagen Verstöße gegen das Sucht-mittelgesetz, bei einer eine Serie von Ladendiebstählen vor.
Dem Papier nach am verdächtigsten schien Herr Straka, der wegen mehrfacher Ausübung häuslicher Gewalt bereits verurteilt worden war.
»Die Begleitumstände sind zwar ganz andere, trotzdem schau ich mir den Burschen näher an«, beschloss Eckensperger, obwohl er überzeugt war, dass die Spur Straka in eine Sackgasse führen würde.
»Der erschlägt von mir aus einen seiner Tischge¬nossen, wenn ihm der beim Essen ständig widerspricht. Nie und nimmer lauert der mit einem Stück Stoff, das er dann auch noch vom Tatort mitnimmt, einer unauffälligen Angestellten auf.«
Das war kein Mord im Affekt gewesen – darauf würde er seine Dienstmarke verwetten.
Wahrscheinlich lief es wieder einmal auf das alte Muster einer Dreiecksbeziehung hinaus.
Irgendwie ermüdete dieser Gedanke den langgedienten Ermittler.
»Zurück zum Profil«, ermahnte sich Eckensperger »Wir suchen also einen Mann, 40 aufwärts, eher Richtung 55 bis 60, weshalb in Anbetracht der zahlreichen Kurgäste nahezu jeder männliche Anwesende zur erwähnten Zielgruppe gehört, was die Sache nicht einfacher macht. Im Idealfall gut situiert, von sich eingenommen, mit Tendenz zu Gewaltbereitschaft. Also, her mit Herrn Straka!«
Bereits im Näherkommen durch das Foyer hörte Eckensperger den Vorgeladenen toben. Eckensperger stürmte zur Tür, riss sie auf, brüllte den Eintretenden ein lautstarkes »Ruhe!« entgegen und drückte Straka unsanft in den Sessel vor dem Schreibtisch.
Er selbst blieb stehen, um durch den Größenunterschied zum Sitzenden zusätzlich Autorität und Respekt aufzubauen.
Herr Straka war bei weitem nicht so massiv gebaut wie der Beamte. Sein hochrotes Gesicht ließ auf Jähzorn und Bluthochdruck schließen, sein impulsives Auftreten auf einen Menschen, der bereits bei Nichtigkeiten cholerisch reagiert.
»Was soll das?«, zeterte er auch sofort los. »Wieso werde ich da hergeschleppt und verhört? Was sind das für Methoden? Sie haben mich nicht herumzustoßen!«
»Das ist eine Befragung, kein Verhör, und Sie wurden nicht gestoßen, sondern ich habe Ihnen einen Sitzplatz zugewiesen«, stellte der leitende Beamte lakonisch fest. »Ein unangenehmer Zeitgenosse«, befand er für sich und ließ eine entsprechende Salve an Fragen auf den erbosten Kurgast niederprasseln.
Der hatte sich sichtlich weiterhin kaum unter Kon¬trolle und wurde zunehmend aggressiver. Das Verhalten von Straka besserte die Laune von Eckensperger nicht wirklich.
Ein weiterer Galgen entstand auf seinem Notizblock. Wenn nur endlich das Ergebnis der Textilfaseraus-wertung eintrudeln würde!
Ein zaghaftes Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Überlegungen.
Auf das ungeduldige »Herein!« schob sich Robert unschlüssig ins Büro.
»Es tut mir leid, zu stören. Vielleicht ist es auch gar nicht wichtig. Hat wahrscheinlich absolut nichts mit dem Unglücksfall zu tun, eine falsche Fährte sozusagen. Und Sie haben ja auch Wichtigeres zu tun. Andererseits meine ich doch, Ihnen sagen zu müssen, obwohl …«
»Jetzt stottern Sie nicht lang herum. Was gibt‘s?«
Der junge Angestellte fühlte sich durch die harsche Anrede nicht wirklich ermutigt, atmete noch einmal tief durch und setzte Eckensperger von den Seriendieb¬stählen im Hotel in Kenntnis.
Auf dessen Radar tauchte sofort die im System ausgewiesene Person mit der passenden Vorstrafe auf.
»Jetzt haben wir also mehrere Bälle in der Luft«, fasste der Kommissar bildhaft zusammen. »Rabiat¬perle Straka, einen weiblichen Langfinger und der übliche heimliche Liebhaber in der Hauptrolle – eine interessante Speisekarte!«