Erzählungen einer Ausstellung
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LESEPROBEN
Leseprobe 1
Einmal noch die Route 66
In einer verstaubten Garage am Rand einer Stadt, die schon bessere Tage gesehen hatte, stand ein alter, ausrangierter Bus. Seine einst rot glänzende Lackierung war stumpf geworden, der Rost hatte sich wie ein ungebetener Gast durch die Tür geschlichen, und seine Reifen waren platter als das Karaoke-Talent seines letzten Fahrers.
Seit Jahren hatte ihn niemand mehr bewegt, gewaschen oder auch nur beachtet. Er war bloß „der Schrotthaufen“, wie ihn die aufgemotzten SUVs draußen spöttisch nannten.
Tief in seinem verölten Herzen aber war er mehr.
Er war ein Rocker. Und er hieß Rocky. Ein passender Name, fand er. Nur – niemand fragte ihn danach. Niemand fuhr ihn.
Doch Rocky träumte. Jede Nacht, wenn das Mondlicht durch die Ritzen des Garagentors fiel, und jeden Tag, wenn der Staub im Sonnenschein tanzte, träumte er von einer Fahrt.
Nicht irgendeiner Fahrt. DER Fahrt.
Einmal noch die Route 66 entlangbrettern, den Wind durch seine kaputten Fenster spüren, den Motor brüllen lassen wie einen Harley-Chor.
Er stellte sich vor, wie seine rostigen Radkappen blitzten, während der Asphalt unter ihm glühte.
„Ich bin ein Rebell“, konstatierte Rocky, „gefangen im Körper eines ehemaligen Linienbusses.“
Allein die Realität war hart. Sie hatte kein Mitleid, und er keine Kennzeichen mehr, keinen Sprit, keinen Fahrplan.
Rockys Motor hustete schlimm wie ein Kettenraucher, und die einzigen, die sich für ihn interessierten, war ein Amselpärchen, das in einem aufgerissenen Sitz sein Nest gebaut hatte.
Bis zu jenem heißen Augustnachmittag.
Die Garagentür sprang auf – grelles Licht, Staub, Sommerhitze. Ein Mann in Lederjacke und mit grauem Pferdeschwanz trat ein. Er blieb stehen. Schaute. Und verstand.
„Na, du alter Rocker?“, grüßte er grinsend und klopfte auf die Motorhaube. „Die Jungs meinten, du wärst nur noch Altmetall. Aber Dean sieht das anders. Dean – das bin ich.“
Dean war Bastler, Rocker, Künstler. Einer, der das Herz unter Schmutzflecken auf seinem Blaumann trug. Mit funkelnden Augen und ölverschmierten Händen kümmerte er sich um Rocky. Er schraubte, pinselte, fluchte, lachte. Jede freie Minute, jeden gesparten Dollar investierte er in seinen Traum auf vier Rädern.
Neue Reifen. Neue Bremsen. Lautsprecherboxen, die röhrten wie ein Heavy Metal-Gewitter über der Wüste.
„Born to Be Wild“ dröhnte durch die Halle, und der Geruch von Lack und Getriebeöl hing in der Luft – das wahre Eau de Cologne eines Hippiebusses.
Rocky fühlte sich wie neugeboren. Er sah sich bereits auf den schnurgeraden Straßen: hupende Autos, winkende Passanten, Harley-Fahrer, die anerkennend ihre Handschuhfinger zu einem Ring formten. Er würde der Sonne entgegenrollen – bis zum Pazifik.
Doch statt einer scharfen Braut im Sonnenuntergang erschien ein grauer Beamter mit Aktentasche in der Garage. Er musterte den Bus, schüttelte den Kopf.
„Bedaure“, sagte er tonlos. „Für diesen Kübel gibt’s keine Zulassung mehr.“
Dann klemmte er ein Formular unter Rockys Scheibenwischer und stapfte davon.
Dean ließ sich auf einen Reservereifen sinken und öffnete eine Bierdose.
„Tja, alter Kumpel“, seufzte er leise. „Ich fürchte, das war’s. Kein letzter großer Ritt.“
Rocky hätte gern protestiert, aber seine Hupe war längst verstummt. Eine kleine Träne löste sich aus seiner Scheibenwaschanlage.
Die große Trauer jedoch blieb aus.
Er hatte geträumt.
Er hatte gehofft.
Und er hatte einen Seelenverwandten gefunden.
Das war mehr, als die meisten Busse behaupten konnten.
Nun durfte er in Frieden rosten.
Oder, wer weiß – vielleicht … irgendwann einmal … losfahren?
Leseprobe 2
Teuflisch gut
„Hey“, sagtest du, als ich leicht stolpernd in deine Arme fiel, „aus welchem Himmel ist denn dieser auffällige Engel auf die Erde gefallen?“
Nicht die Spur verlegen, parierte ich:
„Gestatten? Lucia! Meisterklasse: Gefallene Engel.“
„Perfekt. Ich hab geradezu ein Faible für das Diabolische. Und an gefallenen Engeln finde ich besonderen Gefallen!“
Wie selbstverständlich nahmst du mich am Arm und steuertest zur Bar an der Ecke. Ich ließ mich führen – du konntest ja nicht wissen, dass ich genau dorthin wollte.
„Was darf’s denn sein?“, fragte der dunkelhäutige Bursche hinter dem Tresen. „Piña Colada oder Swimming Pool – süß und cremig?“
„Für mich einen feurigen Sommercocktail“, orderte ich. „Hot Sex on the Beach mit Chili-Vodka. Da züngelt feurige Leidenschaft und prickelnde Exotik.“
„Mutig“, sagtest du. „Feurige Leidenschaft hört sich vielversprechend an! Das probier ich auch.“
„Höllisch gut, der Drink!“, befand ich, saugte am Strohhalm und sah dich prüfend an.
„Heißer Satansbraten“, meintest du, „dir blitzen ja tausend kleine Teufelchen aus den Augen. Aber diese duftende Wolke, die dich umgibt – das ist kein Schwefelgeruch?“
„Nein, mein Lieblingsduft – Angel von Thierry Mugler. Den konnte ich beim Rauswurf aus dem Himmel mitschmuggeln.“
Du schütteltest amüsiert deinen Kopf und zwinkertest mir zu.
„Noch einen? Vielleicht einen Buttery Nipple? Damit lässt sich eindeutig zweideutig auf unsere Sünden anstoßen.“
„Einverstanden“, lachte ich – schließlich wollte ich nicht gleich am Beginn einer Bekanntschaft widersprechen.
„Und danach einen Hugo? Bei unserem Sündenregister wird bestimmt eine dritte Runde nötig sein.“
„Was hat der, was ich nicht habe?“, meintest du gespielt gekränkt.
Dabei rückte deine Hand auf meinem Schenkel verdächtig hoch. Ich lächelte, ließ dich gewähren, trank aus – und bedankte mich höflich.
„Wo gehst du hin?“, riefst du, als ich vom Hocker glitt und auf meinen, wie immer leicht verspätet eintreffenden, Mann zuschritt.
Dem fiel ich – ganz absichtlich übrigens – in die Arme.
„Wohin wohl? Zurück in den Himmel!“
„Teufel, du“, hörte ich dich hinter meinem Rücken.
Ich zuckte mit den Schultern.
Für ein paar Cocktails verkaufe ich doch nicht meine Seele.