Leseprobe 1:

Bedächtig schob sich die füllige Reinigungskraft Adele samt ihrer vollautomatischen Bodenwaschmaschine durch die zurückpendelnde Flügeltür der Damengarderobe in den Schwimmbereich. Wie nahezu jeden Spätabend zog sie ihre Bahnen über die gekachelte Badelandschaft. Mittlerweile kannte sie jede Unebenheit der Bodenfläche, jede Facette der unregelmäßig gemusterten Fliesen. Deshalb registrierte sie sofort etwas Ungewohntes, als sie sich näher an den tagsüber stark frequentierten Whirlpool heranarbeitete.
„Wieder ein Scherzbold oder rücksichtsloser Kurgast, der sein Handtuch versenkt hat“, schoss es ihr durch den Kopf, bevor ihre Augen den Bruchteil einer Sekunde später rückmeldeten, dass sie ihre Annahme revidieren musste. Was sie sah, wollte sie nicht sehen. Reflexartig schlug sie ihre Hände vors Gesicht. Nur um ihrer nahezu gleichzeitig aufflammenden Neugier und Dienstbeflissenheit umgehend Raum zu geben. Mit pochendem Herzen blinzelte Adele durch ihre Finger – ein Zugeständnis an Anstand und Arbeits­moral beiderseits.
Ja, sie hatte sich nicht getäuscht: Da lag eine Person im Pool, die um diese Uhrzeit dort nichts verloren hatte. Zusammengekrümmt, eigenartig verdreht, den Kopf halb im Wasser hing eine zarte Frau mit langen dunklen Haaren, die das Gesicht großteils verdeckten, auf den Sitzstufen. Die farblich wechselnden, stimmungsvollen Unterwasserscheinwerfer im Pool wollten so gar nicht zu der grotesken Szene passen.

Leseprobe 2:

»Was soll das heißen, Sie konnten nichts in Erfahrung bringen?«, blaffte Eckensperger in seinen billigen iPhone-Klon. »Das sind polizeiliche Ermittlungen! Die Befragten haben Auskunft zu geben. In einem Mordfall noch dazu! Haben Sie denen klargemacht, dass wir sie sonst vorladen? Alle zugleich und mit allem, was gut und teuer ist!«
Der eingeschüchterte Polizist am anderen Ende der virtuellen Leitung schluckte und wusste Eckenspergers Vorhaltungen nichts entgegenzusetzen. Ähnlich kleinlaut war er bei seinem missglückten Befragungsversuch im Thermenblick gewesen. Bereits das Ambiente hatte ihn massiv verunsichert: schwere Ledergarnituren, hochflorige Teppiche, Vitrinen voller luxuriöser Gegenstände und – unglaublich – ein Wasserfall an der Wand im Hintergrund.
Der arrogante Portier des vornehmen Hotels ließ ihn kaum zu Wort kommen und ordentlich abblitzen. Von oben herab gab er nicht nur keine dienlichen Hinweise, sondern darüber hinaus deutlich zu verstehen, dass von ihm keine Auskünfte über Gäste des Hauses – zu denen er auch Kunden, die im Juweliershop viel Geld ließen, zählte – zu erwarten waren. »Auf den Herrn mit der Hoteluniform hat mein Dienstanzug leider keinen großen Eindruck gemacht. Grad, dass der nicht Bürscherl zu mir gesagt hat. Da braucht es schon ein anderes Gegenüber.«
Eckensperger seufzte. Sein junger Kollege sprach bloß aus, was er selbst im Stillen erwogen hatte. Es würde ihm nichts anderes übrigbleiben, als den Herrschaften im »Thermenblick« eigenhändig »einzuheizen«. Die sollten ihn aber kennenlernen!
Der Kommissar musste grinsen, nachdem er das Namensschild des aufgeblasenen Angestellten an der Rezeption des Nobelhotels gelesen hatte: Alois Großschedl. Ein Großkopferter also. Und exakt so verhielt er sich. Sogar der routinierte Beamte hatte vorerst seine liebe Not mit Alois an der Empfangstheke, der sowohl im Auftreten als auch vom Aussehen her, einen Hoteldirektor abgegeben hätte. Großschedl empfand es unter seiner Würde, mit einem Sicherheitsbeamten reden zu müssen und jede Nachfrage als Angriff auf »sein« Haus.
Eckensperger stand kurz vor der Explosion. »Sie haben jetzt genau eine halbe Minute Zeit, mir die gewünschte Auskunft zu geben und den Inhaber des Juweliergeschäfts herbeizuschaffen – laufender Betrieb hin oder her!«, brüllte er in einer Lautstärke, die selbst die feudalen Teppiche beim besten Willen nicht mehr schlucken konnten. »Falls nicht, lass‘ ich Sie von zwei Uniformierten abholen, Ihnen Handschellen anlegen und Sie im Polizeiwagen mit Blaulicht und Sirene abführen! So schaut‘s nämlich aus! Aussageverweigerung, Behinderung in einem Mordfall und sobald die halbe Minute um ist, kommen dann noch Widerstand gegen die Staatsgewalt und nicht zuletzt Komplizenschaft oder Beihilfe zum Mord hinzu!« Das wirkte! Endlich!
Zwar von unwilligem Kopfschütteln begleitet und mit pikiert-verkniffenem Gesichtsausdruck, schickte sich der Portier an, die Besitzerin der kleinen, aber exquisiten Schmuckboutique anzurufen. Frau Michalina Zielinski, ein zierliches, gepflegtes Persönchen in tadellos sitzendem Kostüm, deren Namensschild sie allerdings als »Michelle« auswies, zeigte sich angesichts des erzürnten Kommissars sogleich kooperativ. »Mon Dieu, ein Mann von die Polizei«, stammelte die Polnischstämmige gewollt international, aber mit gehörig slawischem Akzent. »Ich bin mich nicht sicher, ob ich helfen kann. Aber gewiss, ich bin zu jede Auskunft bereit!«
»Das ist auch gut so«, fuhr Eckensperger bewusst drastisch fort, »denn die Dame, für die Ihr Schmuck bestimmt war, liegt nämlich eiskalt in der Pathologie, und statt einer Kette um den Hals baumelt mittlerweile ein Namenskärtchen um ihren großen Zeh!«