Das Raunzen, so heißt es, liegt den Wienern – aber wir wollen auch hier schön artig gendern – und daher ebenso den Wienerinnen im Blut.

Damit haben sie es, was die bejahende Einstellung zum Leben betrifft, doppelt schwer. Liegt es doch evolutionsbedingt in unseren Genen, zuerst das Negative – und das viel deutlicher – wahrzunehmen als die schönen Seiten des Daseins.

Dafür müssen wir uns nicht entschuldigen. Schließlich können wir nichts dafür, dass unseren Vorfahren beim schwierigen Unterfangen, den Magen voll zu kriegen und dabei nicht draufzugehen, die Wachsamkeit für mögliche Gefahren das Überleben sicherte. Wer kann sich schon an den ersten, zarten Frühlingsknospen oder einem malerischen Sonnenuntergang erfreuen, wenn hinter der nächsten Ecke ein Säbelzahntiger oder ein hungriger, moralisch defizitär ausgestatteter Höhlennachbar lauert? Diese kollektive Erfahrung ist tief in uns eingebrannt und wird, ob wir wollen oder nicht, gespeichert, tradiert und der jeweils nächsten Generation weitergegeben. Es erklärt zudem, warum sich Männer in dieser Hinsicht bis heute noch einmal schwerer tun als ihr weibliches Pendant. Die konnten von der Behausung aus, während sie das Feuer unermüdlich mal kleiner, mal größer drehten, bis der ersehnte Göttergatte mit der noch mehr ersehnten Jagdbeute heimkehrte, wenigstens den Wechsel der Jahreszeiten mitverfolgen und sich am Flug steinzeitlicher Schmetterlinge oder tanzender Schneeflocken erfreuen.

Die Nachwirkungen haben wir bis heute zu tragen und müssen auf Spaziergängen unsere stumpf nebenher stapfenden Begleiter auf aufbrechende Krokusse, bunte Baumkronen oder zartes Abendrot hinweisen. Dafür retten sie im Gegenzug verzückte Partnerinnen vor heranbrausenden Fahrradrasern, wilden Wurzeln, in den Weg wuchernden, kratzigen Zweigen  oder irrfliegenden Frisbees, während diese bewundernd phantasieanregenden Wolkengebilden oder bizarren Baumverästelungen nachhängen.

Worauf will ich hinaus, bevor ich mich in unhaltbare Annahmen versteige?

Es wäre höchst an der Zeit, den sich manifestierenden Hang zur Defizitsichtweise abzustreifen und den Blick von allem Einschränkenden, Belastenden weg auf die Habenseite zu lenken.

Gewiss, ein Jahr Pandemie und coronabedingte Regelungen erschweren diese Haltung, zermürben und drücken mancherorts aufs Gemüt. Aber sollen deswegen das Positive und alle Vorteile ganz unter den Tisch fallen?

Am ersten Tag der Ausgangsbeschränkungen machte ich Bestandsaufnahme: in Küche, Vorratskammer, Bad und Keller. Das Ergebnis war beeindruckend. Gewürze und Kräuter in Mengen, die ich, wie meine Freundin Gerlinde zu sagen pflegte, mein „Lebitag“ nicht aufbrauchen kann, Nahrungsmittel in einer Fülle, die unserem Zweipersonenhaushalt ein Überleben für ein knappes Monat sichern, vorausgesetzt die Kühltruhe gibt ihren Geist nicht auf, die Stromzufuhr funktioniert und mein lieber Mann sagt „ja“ zu seltsam vorwitzigen Speisenkombinationen. Haarshampoo, Seifen und Cremen in Mengen, die manches Kosmetikstudio neidvoll erblassen lassen. Selbst überlebenswichtige Güter wie Klopapier, Küchenrollen, Taschentücher und Wattepads waren in großfamilienreifer Fülle vorhanden. Nie und nimmer wäre mir in „normalen“ Zeiten dieser Reichtum bewusst geworden. Was geht es uns gut, wenn wir daneben sogar noch Gründe zum Jammern finden.

Finanziell waren die letzten Monate ebenfalls erquicklich. Wie viele Euros habe ich mir an Lippenstiften, Friseur- und Nagelstudiobesuchen, Shiatsu- und Yogaeinheiten, Zahnbleeching und Kosmetikbehandlungen erspart, wie viel weniger Geld für aktuelle Modetrends – abgesehen von Mund-Nasen-Masken in zahlreichen Farbschattierungen, Mustern und Materialien – rausgeschmissen? Ganz zu schweigen von Ausgaben für Benzin, Urlaubsreisen, Caféhausbesuche und Einkehrschwüngen in extrempreisigen Schihütten.

Dafür habe ich gekonnt den Kochlöffel gewirbelt, endlich einen Miniteil der gesammelten Kochrezepte ausprobiert, mein Laufband trainiert, hundert neue Spazierwege und Joggingrouten in der näheren Umgebung entdeckt und mich ohne Makeup und Hairstyling im Spiegel akzeptieren gelernt.

Friseurinnen, Boutiquenbesitzerinnen, Fremdenführerinnen, Hoteliers, Masseure, Gastwirte und Nachtlokalbetreiber werden diese positive Sichtweise nicht uneingeschränkt teilen können. Das liegt auf der Hand. Oder an der Berufswahl. Oder am System. Denn ein wenig seltsam mutet es schon an, wenn die Wirtschaft einbricht, sobald Luxusartikel oder nicht Lebenswichtiges eine Zeit lang nur online eingekauft sowie das Lieblingsmenü nicht in der Gaststube vor Ort verputzt werden kann.

Es ist mir auch bewusst, dass nicht jede beziehungsweise jeder auf Plexiglasscheibenproduzent, Desinfektionsmittelherstellerin, Coronademonstrationszubringer, WC-Papierfabrikant, Psychotherapeutin oder Gesundheitsminister umschulen kann. Aber wer, bitte schön, hat Fernsehdokus über diese Gewinnerinnen und Gewinner der Pandemie gesehen? Das Glas ist eben auch für Medienkonzerne, Krisenberichterstatter und Sensationsreporterinnen – zumindest in der Außenwahrnehmung – halb leer, obwohl ihnen genau dieser Zugang neue Rekordeinschaltungen, zusätzliche Werbekunden und wachsende Zuschauerzahlen sichert.

Unabhängig vom jeweiligen Broterwerb – das ist die gute Nachricht für alle – lassen sich eine Vielzahl weiterer positiver Nebenwirkungen geltender Corona­verordnungen festhalten: Niemand braucht sich halbherzige Ausreden für längst fällige Pflichtbesuche, Familientreffen oder Retour-Einladungen einfallen lassen, Urlaubsmuffel und Faschingsfestverweigerer müssen sich nicht rechtfertigen, besorgte Eltern sparen sich Diskussionen, wann der partyhungrige Nachwuchs spätestens zu Hause zu sein hat. Mobbinganfällige Jugendliche gewinnen durch Distancelearning, Homeoffice erspart Wegzeit, Stress in überfüllten Öffis und den Gang vor die Haustür bei Regen oder Schnee. Vom damit verbundenen reduzierten Kleidungswechsel und Styling ganz zu schweigen. Dreitagebart, locker zusammengebundene Haare, Katzenwäsche nach dem Aufstehen, Jogginganzug oder Morgenmantel als Arbeitsoutfit, alles kein Problem. Zumindest bis zur nächsten Videokonferenz. Entschleunigung, der Blick aufs Wesentliche, Reduktion und trotzdem Überfülle wahrnehmen, die Neuentdeckung eigener kreativer, handwerklicher, hausfraulicher, sinnstiftender Potenziale – ich kann mir nicht helfen: Das Glas ist mehr als halb voll! Wenn es dann noch ein guter Rotwein ist …