Neulich erzählte mir ein Arbeitskollege, er müsse in Kürze wegen eines neuen Projekts nach China reisen. Spontan und mit dem mir eigenen Humor fragte ich ihn, ob er denn Zweiräder oder Reissäcke beim Umfallen zählen müsse? Man sagt ja gemeinhin resignierend: „Da fallt in China a Radl – oder eben auch – a Sackl Reis um.“ Sein Blick war verständnislos, hat aber trotzdem Bände gesprochen.

Reaktionen dieser Art erhalte ich übrigens öfter.
Immer dann, wenn in Gesprächsrunden die Begeisterung für ferne Destinationen auftaucht. Ich kann diesen Fanatismus, exotische Länder zu bereisen, nur im Ansatz nachvollziehen. Und das nicht nur wegen meines ausgeprägten Umweltbewusstseins und meiner minimalen Flugangst.
Für viele Reisebegeisterte zählt scheinbar die Vorstellung, dass anderswo alles besser, schöner und aufregender als zu Hause ist – oder zumindest sein könnte.

Dieses Phänomen ist altbekannt. Es spiegelt sich im Sprichwort vom Propheten, der im eigenen Land nichts zählt, wider. Da habe ich übrigens noch nie etwas von einer Prophetin gehört! Man kennt den Effekt außerdem von der leidigen Geschichte einer zur Gewohnheit gewordenen Partnerin, die gegen eine – zumindest kurzfristig faszinierende – Geliebte aufgegeben wird. Beziehungsweise gendermäßig variiert: der meist mittellose, aber sensationelle Geliebte, den frau gern gegen ihren stoischen, ruhebedürftigen Ehemann austauscht..
Alles schön und gut. Aber im Gegensatz zu den verlockenden, exotischen Urlaubsstränden, muss man sich in den seltensten Fällen erst impfen lassen, bevor eine Liaison mit der unbedarften Sekretärin oder dem knackigen Poolboy eingegangen wird.
Oder, wenn den unbekannten Propheten in Internetforen mehr Glauben geschenkt wird als Lehrkräften, Kollegen oder Verkäuferinnen vor Ort.

Im Allgemeinen nehmen Reisefanatiker in fremden Ländern und Unterkünften Gegebenheiten in Kauf, deretwegen sie hierzulande Konsumentenschutz, Ombudsmann, Arbeiterkammer, Hygiene-Institut und Seuchenschutzbehörde gemeinsam auf den Plan rufen würden. Oder die Telefonseelsorge strapazieren. Oder Selbsthilfegruppe aufsuchen, manchmal auch solche gründen.

Anderswo aber schlafen sie gern in ungemütlich kurzen Betten mit keim- und was-weiß-ich-noch belasteter, zweifelhaft-fleckiger und orthopädisch inakzeptabler Matratze. Solcherart unausgeruht stehen sie zu nachtschlafender Zeit auf, um ein geeignetes Fleckchen am überfüllten Strand zu ergattern, dessen Ausmaß bei der Hühnerhaltung Tierschutzaktivisten auf den Plan rufen würde. Sie richten sich nach vorgegebenen Essenszeiten, egal ob sie Hunger verspüren, noch unausgeschlafen und verkatert sind oder wegen magenumdrehender Lebensmittelunverträglichkeit das Eingenommene Sekunden später auf engen WCs, Wand an Wand mit ähnlich Belasteten, wieder von sich geben müssen.

Männer, die sich zu Hause jede Art von Einmischung strengstens untersagen, akzeptieren in ausländischen Hotels unaufgeregt, dass fremde dienstbare Geister durchs Zimmer wuseln, ihren Zahnersatz und gebrauchte Gesundheitssocken zu Gesicht bekommen, aus ihren Handtüchern Schwäne formen und ihren Pyjama plus Polster behindertengerecht aufbereiten. Sie beteiligen sich an Stadtführungen, ohne über müde Füße zu murren, trinken Kaffee mit Sud aus Plastikstamperln und lauwarmes Bier. Den danach benannten Bauch sowie ihre nackten Oberschenkel verhüllen sie gehorsam trotz mörderischer Hitze und ziehen mit Selbstverständnis ihre Schuhe vor Moscheen aus, was sie beim Besuch bei Schwiegermuttern als Humbug abtun. Sie waschen sogar ihre Füße vor dem Betreten, obwohl weder Ostern noch Hochzeitstag ist und essen Kleinsttiere, auf die sie im Heimatland mit dem Fliegenpracker losgehen.

Ihre Frauen bedecken artig die bloßen Schultern, verkneifen sich jedwede feministische Äußerung, obwohl stets ausschließlich ihr Begleiter angesprochen wird. Sie sitzen spätabends am Strand im Sandsturm, während sie zu Hause beim leichtesten Luftzug anmerken „Es zieht!“

Fernreisende unterhalten sich auf einem sprachlichen Niveau, das zu Hause spätentwickelten Kleinstkindern vorbehalten ist und sind auch noch stolz auf ihren Beitrag zur Völkerverständigung.

Sie ertragen dies alles ohne Widerspruch, Zornausbrüche und Weinkrämpfe. Denn die wirkliche Genugtuung folgt nach der Heimkehr. Dann nämlich, wenn alle, die zu diesem Zeitpunkt noch Freunde oder Freundinnen genannt werden können, ihre 3722 Urlaubsfotos über sich ergehen lassen müssen.