Leseprobe 1:

Ich weiß nicht wieso, aber irgendwie läuft immer alles anders, als ich es geplant habe. Aus dem Ruder meistens. Das fing mit Sicherheit schon im Uterus an. Aber so genau kann ich mich an diese Zeit nicht mehr erinnern. Wahrscheinlich hatte ich vor, eine komplizierte Steißgeburt zu werden. Oder mich zur Erleichterung der versierten Hebamme und des völlig genervten Gynäkologen, der längst auf dem Golfplatz sein wollte, erst im allerletzten Moment zu drehen. Ganz gegen diese Pläne ging alles komplikationslos über die Bühne. Ich flutschte der Hebamme auch nicht aus den Händen, als sie mich meiner Mutter auf den Bauch legte. Tat brav meinen ersten Schrei, ohne blau anzulaufen und brachte Eltern und Verwandte wie jedes Neugeborene in helles Entzücken.

Das war‘s dann aber. Meine Geburt war so ziemlich das einzige, das in meinem Leben reibungslos verlief. Gleichzeitich auch das einzige Mal, dass ich irgendwo zeitgerecht ankam. Am errechneten Termin nämlich, ziemlich präzise um 12 Uhr mittags. Punktgenauer kann man nicht landen. Irgendwie hat mich das geprägt. Im entgegengesetzten Sinn, versteht sich.

Ich bin chaotisch, unordentlich, ohne jedes Zeitgefühl, bar jedes Orientierungssinns, was das pünktlich Ankommen selbst bei großzügigst einberechnetem Zeitpuffer konsequent verhindert. Das wirkt sich auf meine Shoppingtouren ebenso aus wie auf sportliche Ambitionen, den Familienfrieden, Bewerbungsgespräche, Reisen und natürlich ganz besonders auf mein Liebesleben.

Im Gegensatz zu meinem Ruf bin ich ordentlich. Megaordentlich sogar. Ich weiß genau, dass mein zweiter blauer Socken zwischen meinem Tagebuch, den zwei aus der Illustrierten ausgeschnittenen Sudokus, den drei Frühlingsblumenservietten, der Anleitung für eine Avocado- Olivenöl-Haarmaske und meiner ausgedruckten Handyrechnung liegt. Er liegt entschuldigend dort, weil ich ihn zum Aufwischen meines verschütteten Kräutertees brauchte.

Ich verschütte öfters etwas. Meinen einstmals einfärbigen Teppich zieren zahlreiche Spuren, die das belegen. Das macht ihn einzigartig. Um nichts in der Welt möchte ich ihn gegen einen makellosen und fleckenfreien eintauschen. Ergäbe auch keinen Sinn. Spätestens nach drei Tagen würde er seinem Vorgänger zu ähneln beginnen.

Hätte ich meinen blauen Socken ordnungsgemäß zur Wäsche gegeben, würde ich mich fragen müssen, ob er vereinsamt in der Schmutzwäschetruhe liegt, bereits ausgewaschen an der Leine baumelt oder als halbes Paar in der Sockenlade auf seinen Kumpel wartet. Da ist es doch besser, ihn im Stapel auf dem Schreibtisch zu wissen?

Leider habe ich keine Ahnung, wo der rechte Doppelgänger verblieben ist. Ich erinnere mich, einen halben Tag einsockig unterwegs gewesen zu sein. Dann verliert sich seine Spur.
Ich bin auch sehr zuvorkommend. Ich grüße höflich, schenke jedem gern ein freundliches Lächeln und bedanke mich artig bei Verkäuferinnen für ihre gute Beratung. Die schätzen das. Zumindest so lange, bis ich die erste Schaufensterpuppe umniete, den gereichten Schuhlöffel abbreche oder den Testflacon auf dem Boden zerschmettere.

Es ist wie verflixt. Türen aufhalten, ohne, dass einer dabei Schaden nimmt, jemandem etwas abnehmen einen Stapel Bücher etwa ohne den Großteil vom Boden aufsammeln, Buchrücken kleben und einzelne Seiten wieder glattbügeln zu müssen, ist nicht meine Sache.
Aber wie heißt es so schön? Der Wille zählt fürs Werk. Das beruhigt mich und entspannt die Lage etwas.

Ich heiße übrigens Karoline. Manche nennen mich Karo. Von Karo zu Chaos ist es nicht weit. Freundlicherweise fügen diesen Zusatz nur die wenigsten hinzu. Die meisten rufen mich Sassi. Von meinem Nachnamen Sassberger abgeleitet.
Es gibt Schlimmeres.

Leseprobe 2:

Am Tag nach dem Beziehungsaus mit Sebastian meldete ich mich in der Fahrschule an. Schließlich stand der 18. Geburtstag vor der Tür.
Obwohl ich sie nicht offen äußerte, beschlichen mich anfangs schon Bedenken, ein Auto zu chauffieren. Die Vielzahl an Knöpfen und Hebeln gepaart mit hoher Geschwindigkeit potenzierte die Möglichkeit, auf irgend-eine Weise Mist zu bauen, gewaltig.

Nichtsdestotrotz, ich liebte das Fahren von Anbeginn.
In einem Auto werde ich zu einem anderen Ich. Besser gesagt: Jenes Ich, das irgendwo tief in mir schlummert, erwacht zu vollem Bewusstsein. Exakt in den Minuten oder Stunden, in denen ich am Steuer sitze.

Natürlich versuchte ich zu ergründen, woran das liegen mag.
An – sich vorwärts bewegenden – fahrbaren Untersätzen entschieden nicht.
Ich hatte in einem Bus bei einer Notbremsung einmal einem gegenübersitzenden, distinguierten Herrn an sein bestes Stück gefasst. Als ich nach vorn geschleudert wurde und hilflos Halt suchte. Ich kann nur für ihn hoffen, dass es sein bestes Stück war. Denn mit Charme oder gewinnendem Äußeren konnte er jedenfalls nicht punkten. Ich wollte mit dem Zitat »Gäbe es am Flughafen keine Leibesvisitationen, hätte ich überhaupt kein Sexualleben mehr« für etwas Erheiterung in der an sich prekären Situation sorgen. Nun ja, was soll ich sagen: Humor und höfliche Umgangsformen zählten ebenfalls nicht zu seinen Stärken.
Oder er hatte die Pointe nicht verstanden. Dann tat er sich aber mit dem Inhalt der FAZ, die er zu lesen vorgab, auch schwer. So gesehen war es kein Malheur, dass ich sein intellektuelles Blatt bei diesem »Vorfall« etwas in Mitleidenschaft zog.
Ein anderes Mal musste ich mich in einem Zug von einer überzüchteten, aufgetakelten Dame als gemeine Diebin beschimpfen lassen. Weil ich in der Hektik des Aussteigens ihr Designerköfferchen mit meinem Fake–Gepäckstück verwechselt hatte.
Und ich sorgte bei einem Kontrolleur für Haarausfall. Als ich meine Fahrkarte trotz dreimaliger Kompletträumung meiner Handtasche und Umstülpens sämtlicher Jacken- und Manteltaschen nicht finden konnte. Kurz bevor der Genervte zum vollständigen Glatzkopf wurde fiel mir ein, dass ich das Gesuchte zusammengefaltet in meinen rechten Socken gesteckt hatte. Damit ich den Fahrschein rasch griffbereit habe. In Handtaschen sucht man doch meist so lange.

Meine Sicherheit im Auto hatte auch nichts mit eng umschlossenen Räumen zu tun. So viel war gewiss.
In einem Aufzug, beispielsweise, habe ich mich schon einmal unerwartet übergeben. Einer der fünf, zuvor in der Skybar des Modehauses konsumierten, Margaritas war sichtlich schlecht gewesen. So schlecht, wie mir am nächsten Morgen. Mindestens. Seither nehme ich dort lieber die Treppe. Ich finde, es riecht im Lift immer noch ein wenig unappetitlich.

Ich blieb auch schon mal in einem Aufzug stecken. An sich schon unangenehm. Besonders, wenn man dringend aufs Klo muss. Aber mit einem Kleinwüchsigen, der seine Augen auf Höhe meines Bauchnabels hat, besonders irritierend. Die Stunden, bis der Wartungsdienst kommt, erscheinen wie Tage. Obwohl ich schlussendlich nur 50 Minuten ausharren musste.

Auch Räder an sich konnten nicht der ausschlaggebende Grund meines Wohlfühlfaktors im Auto sein.
Von meinen Skateboard-Ambitionen ist heute noch eine Delle im Hundehüttendach. Nach einem missglückten Kickflip.

Selbst, wenn ich mit einem Einkaufswagen meine Runden im Supermarkt ziehe, bin ich ständig am Entschuldigen. Bei der Dame in der Warteschlange vor mir, die den entscheidenden Schritt nach vorn verabsäumt. Bei den Tomatendosen, die soeben noch akrobatisch in bewundernswerter Pyramide aufgeschlichtet standen, bevor ich die Kurve etwas zu eng ansteuere und eine lawinenartige Drunter-und-drüber-Formation daraus zaubere. Bei bodennahen Kleinkindern und Wauzis, die ich übersehe, wenn ich ober Kopf nach Spiralnudeln Ausschau halte.

Im Auto fühle ich mich sicher.

Ich parke – auch in die kleinste Lücke – rückwärts passgenau ein. Habe noch nie links und rechts oder Stadt- und Fernlicht verwechselt. Ich halte Spur und korrekt Abstand. Fahre zügig, aber nicht rücksichtslos. Reihe mich nach dem Überholen wieder brav ein. Beherrsche Schneefahrbahnen und Nebelwetter. Passe meine Geschwindigkeit den Gegebenheiten an.

Und staune über Lenkerinnen, die beim Wegfahren an der Kreuzung den Motor abwürgen oder sich nicht trauen, einen Traktor zu überholen.
Leider muss ich irgendwann wieder aussteigen.
Meist blockiert dann der elektronische Türverriegler. Oder es lässt sich die plötzlich aufleuchtende Warnblinkanlage nicht ausschalten. Oder der Euro in der Parkuhr bleibt stecken. Und ich bin ausnahmsweise spät dran. Und habe keine Zeit, einen Zettel mit »Liebe Politesse! Unglücklicherweise funktioniert der Automat nicht. Geld ist eingeworfen!« zu schreiben.

Dass ich dann Arnold ausgerechnet bei einem – von mir verursachten – Autounfall kennenlernte, ist einer der Scherze, die das Leben so auf Lager hat.

Jetzt zu meinem Zusammentreffen mit Arnold. Ich will also, damit ich zumindest im akzeptablen Nicht-mehr-als-zehn-Minuten-zu-spät-Rahmen bleibe, bei der nächsten Kreuzung umkehren. Schwenke – trotz Linksblinkens etwas zu sehr nach rechts aus – bumms, steckt der silbergraue, aus der Quergasse mit Vorrang kommende, Mercedes in meiner Beifahrertür.

Klarerweise hab ich den Zehn-Minuten-Rahmen weit überschritten und musste mir – wieder einmal – einen neuen Rechtsschutzversicherungsberater suchen.
Es gibt Schlimmeres.
Ich dürfte auf meinen Unfallgegner einen ziemlich verwirrten Eindruck gemacht haben. Kunststück!

Erstens bin ich meist etwas konfus.
Zweitens hatte ich soeben meinen ersten Autounfall gebaut.
Und drittens stand da dieser perfekte Mann, wie einem Männermodemagazin entsprungen, vor mir. Blickte mich erst streng, dann irritiert, schlussendlich überaus wohlwollend an. Wobei ich hauptsächlich so verzweifelt dreinsah und ein wenig zitterte, weil ich meinen Termin nicht mehr einhalten konnte.
Schließlich nahm er mitfühlend meine Hand und meine meinte zuvorkommend, es sei alles halb so schlimm. Das reicht bei mir eigentlich voll und ganz.
Arnold brachte Ordnung und Struktur in mein Leben.
Ungefragt und unaufdringlich.
Das begann bereits, als ich meinem überquellenden Handschuhfach – nachdem er meine Hand wieder losgelassen hatte – das Unfallberichtsformular entnehmen wollte.
Mein Crashpartner – Unfallgegner würde ihm wirklich nicht gerecht werden – ergriff den wüsten Packen Papiere und hatte in Sekundenschnelle alle seriösen Unterlagen wie Schutzbrief, Reparaturanleitungen, Versicherungspolizzen und Landkarten vom schäbigen Rest (Liftpanoramakarte des letzten Schiurlaubs, Supermarktwerbeprospekt, angefangene Liebes- und Trennungsbriefe, eine zerknautschte Packung Kondome, Kassabons der letzten Dekade, Schokoriegelhüllen) getrennt.
»Vielleicht sollten Sie das besser anderswo aufbewahren?«
Mit einem Lächeln überreichte er mir meinen lang verschollenen Menstruationskalender. Ich sag‘ ja: Es taucht alles immer wieder auf.
Ich hingegen hatte – wie könnte es anders sein – entschieden Unordnung in Doktor Arnsteins Leben gebracht.
Aber das wusste ich damals noch nicht.