Ich liebe Hunde.

Bevor jetzt einige KatzenfanatikerInnen die Ohren anlegen (die eigenen, nicht die ihres Haustigers) oder – zumindest innerlich – entrüstet Widerstand anmelden, möchte ich gern anmerken, dass sich meine Gedanken nicht auf den unauflösbaren und emotional höchst besetzten Lagerkampf, ob Hunde oder Katzen die idealeren Lebensbegleiter sind, engführen lassen.

Ich beginne daher nochmals:
Ich liebe Hunde.
Auf Postern. Glückwunschkarten. Gemälden. Fotografien. Als Sujet für Sticker, Embleme, T-Shirts, Poesie­alben. Auch als Faschingsverkleidung.

Ich schätze Hunde und ihre Fähigkeiten. Ihre Dienste für Blinde, in Therapien, als Drogenfahnder, bei der Suche nach Erdbeben- oder Lawinenopfern. Besonders einem Bernhardiner mit Schnapsfässchen um den Hals kann ich viel abgewinnen.

Ich kann Hunden stundenlang zuschauen. Aus dem Fenster, wie sie über die Wiese tollen. Oder vor dem Fernsehgerät. Lassie aus meinen Kindertagen fällt mir dazu ein und später „Kommissar Rex“. In Filmen verfolge ich die Vierbeiner mit Spannung wie in „Wolfsblut“ oder lasse mich von „Hachiko“ zu Tränen rühren. „101 Dalmatiner“ bescherten mir unbeschwerte, lockere Unterhaltung.

Hunde stärken zudem mein Selbstbewusstsein. Ich blicke sie an und freue mich: Dackel haben kürzere Beine, Boxer eine unvorteilhaftere Nase, der chinesische Shar-Pei mehr Falten. Ich sabbere nur hie und da, und das höchstens im Schlaf. Hunde machen zudem Geräusche, für die ich mich lediglich im Augenblick höchster Ekstase schämen müsste, falls ich da je den Kopf für solche Reflexionen hätte. Sie müssen beim kleinen Geschäft ein Bein heben und sehen dadurch auch nicht eleganter aus als ich, wenn ich im Stehen pinkeln muss. Und ihre Häufchen sind in den allermeisten Fällen wesentlich unappetitlicher, jedenfalls offensichtlicher als meine.

Womit ich ein Problem habe sind meine face-to-face-Begegnungen. Wobei das ja bereits der erste Fehler ist, Hunden in die Augen zu schauen. Diese Weisheit muss man allerdings in Stresssituationen erst einmal abrufen können. Und Stressauslöser waren Hunde für mich des Öfteren. Manchmal kriege ich sie gar nicht zu Gesicht, jedoch bereits die Andeutung eines Herzinfarkts, wenn hinter einem Gartenzaun, an dem ich entlang gehe und mich der beruhigenden Stille erfreue, unvermutet ohrenbetäubendes, wütendes Gekläff einsetzt. Dazu ziehen sich Menschen aus der hektisch-lauten Großstadt aufs Land oder zumindest an den Stadtrand zurück, um dann einen alle paar Minuten anschlagenden bellenden Wächter neben sich ertragen zu müssen?

Außer einem rasenden Herz bleibt mir nach solchen Erlebnissen zumindest die Beruhigung der schützenden Bretterwand. In freier Wildbahn jedoch – beim Joggen beispielsweise – wo Bello und ich frei, also unangeleint, unterwegs sein dürfen, bricht meine Panik vollends durch.

Ich blicke leider auf eine Reihe unliebsamer Erlebnisse zurück. Als ich ein Kleinkind war, sprang ein übermütiger Foxterrier an mir hoch und riss mich zu Boden. Ich knallte mit dem Hinterkopf aufs Straßenpflaster. Entweder blieb von dieser energiegeladenen Liebesbezeugung ein frühkindliches Trauma. Oder durch den harten Aufprall ein Schaden im Hirnareal „Hundebeziehung“.

Mein zweites prägendes Erlebnis hatte ich mit Nero, dem Wachhund einer bekannten Bauernfamilie. Nero jagte mich gern rund um beziehungsweise durch den Vierkanthof im Mostviertel: raus aus der Küche, durch den Innenhof vorbei am riesigen Misthaufen, durch die große Einfahrt, nach links durch den Gemüsegarten, nochmals links zwischen den aufstiebenden Hühnern hindurch und ein letztes Mal links am Brunnen und am elektrischen Weidezaun vorbei bis ich das rettende Haus von der Hinterseite erreichte und heilfroh war, die Tür zur Bauernstube knapp vor dem schwarzen Verfolger schließen zu können. Ich wurde Klassenbeste im 100 Meter Lauf. Nero hingegen wurde eingeschläfert. Nicht, weil er mir unterlegen war. Er hatte einige Kinder gebissen. Die konnten sichtlich nicht so schnell rennen wie ich.

Manchmal ärgern mich nicht nur die Vierbeiner. Ihre zweibeinigen Begleiter können ebenfalls nerven. Wie oft musste ich schon hören: Der will nur spielen! Ja, und? Ich will nur laufen. Und alt genug, dass ich mir meine Spielkameraden selbst aussuche, bin ich wirklich. Oder sollte ich das Spielzeug sein?

Auch der zweithäufigste Ausspruch „Der tut nichts!“ entspannt nicht wirklich. Wer von uns geht beispielsweise in ein Geschäft, um der Verkäuferin zu erklären, was man nicht tut? Wetten, sie wird bei Sätzen wie „Ich klaue nicht!“ oder „Ich kotze ihnen nicht auf den Teppich!“ oder „Ich nerve Sie nicht mit hirnverbrannten Extrawünschen!“ vom ersten Moment an extrem misstrauisch?

So geht es mir mit beschwichtigenden Hundebesitzern, auch den weiblichen Exemplarinnen übrigens, um jetzt keine Vorurteile heraufzubeschwören. Wenn Flocki also nichts tut, welche neue Erkenntnis bringt mir die Botschaft? Außerdem tut er bereits meist etwas. Er hechelt besorgniserregend, reibt seine feuchte Schnauze an meinem Hosenbein oder – noch schlimmer – in der warmen Jahreszeit an meiner nackten Wade. Er beschnüffelt mein Hinterteil (was ich jemandem gern erst nach einer gewissen Kennenlernphase erlaube), trenzt auf meine teuren Joggingschuhe oder springt an mir hoch, um erdige Pfotenabdrücke auf meinem weißen Laufshirt zu hinterlassen.

Der Hund wird gern als bester Freund des Menschen bezeichnet. Abgesehen vom Einspruch aller Katzenfans frage ich mich schon, ob man sich nicht ein wenig Sorgen um die zwischenmenschliche Beziehungsfähigkeit sich solchermaßen äußernder Artgenossen machen muss. Außerdem würde ich zu gern wissen, ob der jeweilige Vierbeiner sein Herrchen oder Frauchen auch als besten Freund oder beste Freundin bezeichnen würde. Wenn ich so manche zu Hängebauchschweindoubles gemästete Hundewalze hinter einem übergewichtigen Besitzer dahinrollen sehe oder mit rosa Schleifchen, kitschigen Accessoires und Glitzerstiefelchen bestückte, kunstvoll frisierte Fellhäufchen in Handtaschen entdecke, beschleichen mich leichte Zweifel.

Ich habe festgestellt: Ich brauche keinen Hund. Ich habe einen Mann an meiner Seite. Der hinterlässt auch Haare im Bett, gibt nächtens seltsame Geräusche von sich und wartet, dass ihm das Fressi vor die Nase gestellt wird. Er kläfft, wenn ihm was nicht passt und schaut mich mit treuherzigen Augen an, wenn er sich Lob und Zuspruch erwartet. Dass er mir meine Hausschlapfen und die Morgenzeitung apportiert, bring‘ ich ihm auch noch bei.