„Lieber Gott! Bisher habe ich mich gut geschlagen. Ich habe meine Beherrschung nicht verloren, war nicht gehässig, selbstsüchtig, neidisch oder übermäßig maßlos. Ich habe nicht gelogen, niemanden ungerecht behandelt. Ich bin sehr froh darüber. Aber, lieber Gott, in ein paar Minuten werde ich aus dem Bett aufstehen und von da an brauche ich wahrscheinlich deine Hilfe. Danke! Amen. Und lass mich endlich die Augen aufkriegen!“ So lautet mein tägliches Morgengebet, mit dem ich in den Tag starte. Nun habe ich doch gelogen: weder bete ich morgens täglich – oft bin ich einfach zu zerschlagen – noch trifft der dynamische Begriff „starten“ annähernd meine verzweifelten Versuche, den neuen Tag anzugehen.

Wie ein Blinder, der erstmals ins Sonnenlicht blickt, taumle ich ins Badezimmer. Eine Dusche wirkt jedoch Wunder: Eben war ich noch völlig daneben, tramhapert und grantig, schon bin ich völlig daneben, tramhapert und grantig mit frischem Ozeangeruch. Wobei das Duschshampoo um Welten besser riecht als Naturozean.

Dermaßen verwandelt beginne ich mein morgendliches Ritual in der Küche, dessen Handgriffe dank hundertfacher Wiederholung wie von selbst ablaufen. Leider nicht immer in der richtigen Reihenfolge. Manche Versehen, wie die Marmelade unter der Butter aufs Brot zu streichen, sind echt harmlos. Wesent-lich interessanter ist schon, den Knopf auf dem Kaffeeautomat zu drücken, bevor eine Tasse unter den Ausgabehahn gestellt wurde.
Der Ärger über die braune Lache, die in Folge wegzuwischen ist, hat allerdings ähnlich belebende Wirkung wie Koffein. Dieses soll ja die Lebensgeister wecken! Allerdings sind meine mindestens scheintot und würden wahrscheinlich erst nach drei großen Mokkas und einem Kneippguss mit eiskaltem Wasser irgendwie in die Gänge kommen.

Mein Morgensport spielt sich zwischen Kühlschrank, Anrichte und Küchentisch ab. Kaum habe ich erschöpft am Sessel Platz genommen, merke ich, dass die Schale mit dem belebenden Gebräu nicht von selbst mitgekommen ist. Außerdem habe ich vergessen, die Milchpackung wegzuräumen. Ich stelle also das volle Kaffeehäferl in den Kühlschrank und wanke mit dem Tetrapack zum Tisch. Wundere mich, was ich vor mir stehen habe, wo mein Heißgetränk hingekommen ist und was – verdammt noch mal – ich überhaupt an diesem Tisch hier wollte.

Zwischendurch nervt mich der aufgeweckte Moderator im Radio mit seinem munteren Gute-Laune-Geplauder. Was hat denn der eingeworfen, dass der um diese Uhrzeit so gut drauf ist? Ich brauche seine Durchsagen allerdings. Vorrangig wegen der Wetterprognose, die ich schlussendlich soundso meist überhöre und wegen der Verkehrsnachrichten. Obwohl ich meist öffentlich unterwegs bin, weil ich um diese nachtschlafene Zeit entweder meinen Führerschein, die benötigte Brille oder den Abstellplatz meines Wagens nicht finde. Interessant finde ich allerdings die täglichen Horoskope mit Energiepegel. Dessen Werte bewegen sich – um nur ja kein Sternzeichen zu frustrieren – stets zwischen 50 und 100 %. Mit meinen gefühlten -20% weiß ich mich keinem Tierkreiszeichen wirklich zugehörig. Am ehesten wohl noch den Zwillingen: Einer allein kann nicht so müde sein nach fast acht Stunden Schlaf. Wahrscheinlich gehöre ich aber eher zur kaum bekannten Gruppe der Faultiere, Tse-Tse-Fliegen oder Zecken. Letztere können angeblich 18 Jahre bewegungslos auf einem Ast sitzen, um sich dann überfallsartig im Genick argloser Wanderer festzubeißen. Dermaßen ausgeruht würde ich auch Hunger verspüren. In meinem Zustand aber kriege ich kaum einen Bissen hinunter.
Deshalb setzt sich mein Schlafwandel Richtung Badezimmerspiegel fort, wo ich ein mir völlig unbekanntes Gesicht reinige. Meine Zahnpasta will heute gar nicht schäumen und schmeckt etwas eigenartig. Dass auf der Tube – an sich groß und deutlich – Beinwellcreme steht, kann ich so zeitig in der Früh noch nicht entziffern. Dafür erfreut sich im Gegenzug meine geplagte Achillessehne am erfrischenden Mentholgeruch. Die Schminkprozedur zu Tagesbeginn hat einen Haken: es will immer nur auf einer Seite gelingen, der Augenbraue den perfekten Schwung oder den Lippen eine exakte Kontur zu verpassen. Ob links oder rechts wechselt in unregelmäßigen Abständen, ist zudem völlig unabhängig davon, mit welcher Seite ich beginne. Hier dürfte es eine stille Vereinbarung geben, welche Gesichtshälfte sich als Auslöser morgendlichen Ärgernisses zur Verfügung stellt.

Ich bin nach mehreren Korrekturversuchen daher schon knapp dran. Trotzdem gehe ich sicherheitshalber das eine Stockwerk zurück, um zu kontrollieren, ob ich die Eingangstür tatsächlich abgesperrt und die Kaffeemaschine auch wirklich ausgeschaltet habe. Es ist selbstverständlich alles ordnungsgemäß erledigt. Erst beim neuerlichen Verlassen der Wohnung vergesse ich, das Licht im Vorraum abzudrehen und lasse meine Tagungsunterlagen auf der Garderobebank liegen.

Ich stolpere zur Haltestelle an der nächsten Ecke und dränge mich in die überfüllte Straßenbahn. Dort danke ich jenen, die mir auf die Zehen steigen, ihren Rucksack in meine Rippen bohren oder lautstark handyphonieren – denn dadurch bin ich endlich munter!