Sie meinen es alle nur gut mit uns. Die wahren und auch die selbsternannten Expertinnen und Experten. Die einem – sehr von ihrer Expertise und ihrem Produkt überzeugt – mit Missionarsgeist, Enthusiasmus und einer Riesenportion Überzeugungskraft uneigennützig ihre wertvollen Tipps ans Herz legen. Ich habe festgestellt: Mit den 24 Stunden, die mir ein Tag zu bieten hat, komme ich einfach nicht mehr aus.

Für die konsequente Mundhygiene benötige ich beispielsweise pro Tag nun knappe fünfzehn Minuten, wollte ich den sanften Ermahnungen meines Zahnarztes vollinhaltlich folgen. Es bedarf ja schon einiger Handgriffe, bis man so weit ist, die mit Zahnpasta aufgepeppte Bürste in den Mund zu schieben, um sie danach mindestens drei Minuten korrekt durch die Mundhöhle zu bugsieren. Zusätzlich sollte jeder, der nicht zu früh auf Zahnersatz umsteigen will, anschließend mit Zahnseide die Zwischenräume reinigen, Munddusche verwenden und seit neuestem auch die Zunge putzen. Hinzu kommt ein absolutes Muss: das tägliche Ölziehen. Einfach eine Viertel Stunde einen Esslöffel Öl im Mund hin- und herschieben – das löst alle Giftstoffe, die sich angesammelt haben. Leider muss hintennach ebenso lang mit Wasser nachgepült werden, weshalb ich morgens eine halbe Stunde mit vollem Mund unterwegs bin, ohne jedoch auch nur einen einzigen Frühstücksbissen oder Schluck Kaffee zu mir genommen zu haben. Wenigstens kann ich die Zeit während des Ziehens mit unbedingt notwendigen Handgriffen füllen.

Laut meinem Osteopathen sollte ich den Tag nach dem Erwachen mit zehn Minuten morgendlicher Streck und Dehnungsübungen beginnen. Das fasziale Gewebe wird es mir danken (ich freue mich schon jetzt schon auf den zu erwartenden Blumenstrauß). Und abends ein erwärmtes Gelkissen im Bereich der Lendenwirbelsäule auflegen – 15 Minuten sind ausreichend, meint er. Noch besser wäre natürlich ein über Dampf erwärmter Heupolster. Allerdings benötigt so eine Aktion etwas Aufsicht, damit der leergedampfte Kochtopf keine Überhitzungsschäden davonträgt. Diese Zeit habe ich nicht. Dafür schon drei Töpfe mit durchgeschmortem Boden.

Nach der morgendlichen Aktivierung meines Bindegewebes starte ich im Badezimmer mit einem Bürstenritual, das mir bei meinem Aufenthalt im Wellnesshotel vor zwei Jahren als unumgänglich empfohlen wurde, wollte ich den Säure-Basen-Haushalt meines Körpers im Griff haben. Natürlich will ich. Deshalb ribble ich brav mit einer größeren Magnetbürste immer Richtung Lymphen, damit der Körper schön entschlackt wird. Das macht aus Orangen- Pfirsichhaut. Eine kleine, weiche Bürste brauche ich fürs Gesicht – wichtig ist auch hierbei, die Streichrichtung zu beachten, sonst ist alles für die Katz. Und (das ist jetzt ein eigener Erfahrungswert) nicht mit dem Ölziehen kombinieren. Die Zeit, die ich mir zu ersparen glaubte, benötigte ich, um die – mit der Bürste aus der Wange gedrückten – Ölspritzer vom Spiegel zu entfernen. Zusätzlich ist auch ein Basendrink notwendig, den ich mir anrühren muss. Das weiße Pulver, das sich nur langwierig im Wasser auflösen will, schmeckt, als hätten die Hersteller etwas Verputz von der Wand gekratzt (das aber bitte nur als laienhafte Bemerkung am Rande zu verstehen).

Meine Yogalehrerin hat gemeint, täglich drei bis fünf Minuten den einbeinigen Baum zu praktizieren wäre eine unumgängliche Unfallprophylaxe und daher zwingend notwendig, um die koordinativen Fähigkeiten zu schulen. Ich hätte damit kein Problem, sollte ich nicht für standhafte, gesunde Füße, die viel zu wenig aktiviert werden, jeden Tag lediglich zehn Minuten Zehenmuskulaturübungen machen, auf einem – glücklicherweise auf dem Boden liegenden – Seil balancieren und bestimmte Rotationsübungen des Fußgelenks durchführen. Mit dem Yogabaum gleichzeitig lässt sich das nicht abwickeln. Aber weil ich den Fuß schon mal in der Hand habe, kann ich gleich die Druckmassage des Nierenmeridianursprungs anschließen, die mir der Qigong-Guru aus erwähntem Wellnesshotel als unverzichtbar für mein Wohlbefinden genannt hat. Der dortige Masseur wiederum hat gemeint, mein Tinnitus könnte von massiven Hals-Nackenmuskulaturverspannungen herrühren und hat mir einige Mobilisations- und Dehnungsübungen gezeigt. „Dauert keine acht Minuten pro Tag!“, merkte er leichthin an. Das wird hinkommen, sobald man die einzelnen Schritte routiniert abspult. Mit dem Lesen der Anleitung und Deuten der handschriftlichen Skizzen benötige ich gehörig mehr Zeit dafür.

Daher bin ich am Überlegen, ob ich mir das tägliche 15 Minuten Finger-Olivenölbad (ein Tipp aus dem Manikürcenter) zeitlich leisten kann. Es verhilft allerdings zu seidig weichen Fingern mit gepflegten Nagelrändern. Und wer will die nicht?

Ich habe mir nach Lesen eines Artikels im Internet einen kleinen stacheligen Igelball gekauft. Eine wahre Wohltat für Hände, die am Computer und zusätzlich durch Klavier­spielen arg beansprucht werden. Die Plastiknoppen machen müde Muskeln in fünf Minuten munter. Mehrmals täglich, versteht sich. Nach dem Olivenbad ist solch eine Handmassage jedoch nicht zu empfehlen. Der Igel flutscht dann gern mal davon. Im schlimmsten Fall fegt er den mühsam zubereiteten Basensaft vom Tisch. Der entfaltet dann seine Wirkung nicht mehr 100prozentig. Mit meinen supersoften Zeigefingern kann ich hingegen rasch neben den Mundwinkeln jene Punkte aktivieren, die gegen meine Wadenkrämpfe helfen sollen. Gegen Weinkrämpfe, weil man nun auch noch den Boden aufwischen muss, hilft die Übung definitiv nicht.

Hilfreich ist jedenfalls Anti-Aging-Gesichtsgymnastik. Sie ist nahezu unumgänglich, will man Falten vorbeugen und eine straffe Gesichtsmuskulatur behalten. Hand aufs Herz: Wollen wir das den anderen überlassen? Es benötigt allerdings eine gewisse Zeit, sich um Augenringe, hängende Mundwinkel und Schwabbelbacken sowie Nasolabialfalten zu kümmern. (Allein beim Aussprechen dieses Wortes krieg‘ ich eine Extrastirnfalte.) Besonders Mutige führen sie selbst in Wartezimmern von Ärzten durch oder während sie auf den Bus warten oder darin zur Arbeit fahren. Da ist es wiederum gut, dass heutzutage jeder mit Kopf unten auf sein Smartphone stiert.

Einen weiteren Ball (allerdings ohne Stacheln) habe ich mir zur Massage meines faszialen Gewebes auf Anraten des eingangs genannten Osteopathen besorgt. Zwei Mal die Woche beginnend von den Fußsohlen bis hinauf zu den wirklich verspannten Schulter- und Nacken­muskeln erfreut der Black Ball meine Faszien, die es mir ja danken werden. Dabei geht schon einiges an Lebenszeit drauf. Doch die verlängere ich mit solchen Übungen ja auch wieder. Eine glatte win-win-Situation also. Drei Minuten Tautreten bringe ich hingegen locker unter. Im Winter reichen sogar dreißig Sekunden Schneetreten. Außerdem lassen sich die geforderten Atemübungen zur Zwerchfellbegeisterung sehr gut damit kombinieren.

Drei Liter Wasseraufnahme pro Tag (an heißen Tagen noch mehr) sind ein absolutes Muss. In der Früh sollte es zudem unbedingt ein Glas mit lauwarmem Wasser und Zitronensaft sein. Wenn man so wie ich öfter kalte Hände oder Füße hat, ist – neben anzuwendenden Massagen zur Durchblutung – auch frisch gepresster Ingwer beizugeben. Ein Stamperl Apfelessig, verdünnt mit Wasser, abgerundet mit einem Löffelchen Birnensirup verspricht dagegen Wohlbefinden und angenehme Verdauung.

Zusätzliche Ratschläge kann ich beim besten Willen nicht mehr beherzigen. Mit den häufigen Wanderungen zum Klo bei der literweisen Flüssigkeitsaufnahme habe ich für weitere Tipps zur Tagesverkürzung – mögen sie noch so gutgemeint und hilfreich sein – einfach keine Zeit mehr.